Geschichte der jüdischen Gemeinde Wiener Neustadt

Werner Sulzgruber

Die jüdische Gemeinde von Wiener Neustadt zählte zu den bedeutendsten im Gebiet des heutigen Österreich und bestand spätestens Mitte des 13. Jahrhunderts. Die einstige Neustadt beherbergte neben Krems und nach Wien die älteste „Judengemeinde“ Österreichs. In ihrer Frühzeit bestand sie vermutlich aus nicht mehr als fünfzig Personen. Im 13. Jahrhundert erwuchs die jüdische Gemeinde der Neustadt neben den genannten zu einer Hauptgemeinde im Raum des heutigen Niederösterreich. Die ersten Gemeinden genossen Selbständigkeit in Verwaltung und Rechtssprechung. Wien, die Neustadt und Krems bildeten Zentren jüdischen Lebens in Niederösterreich.

Die erste Information über Juden in der Neustadt stammt aus dem Jahre 1239, als Herzog Friedrich II. den Bürgern (im sog. Großen Mautprivileg) unter anderem zusagte, Juden aus allen Ämtern auszuschließen, durch welche christliche Bürger „beschwert“ werden könnten. Im selben Jahr gutachteten der Wiener Rabbiner Isaak bar Mosche Or Sarua und der Neustädter Rabbiner Chaim bar Mosche über eine vermeintlich gefälschte Heiratsurkunde.

Privileg von 1239

Privileg von 1239


Foto: StAWN, Bildarchiv Ktn. 28 Inv.Nr. 51484

Die Gemeinde hatte seit der Mitte des 13. Jahrhunderts eine Synagoge (Judenschulgasse, heute Allerheiligenplatz 1) und einen Friedhof, der sich außerhalb der Stadtmauern im Süden befand. Der älteste Fund eines jüdischen Grabsteins in Wiener Neustadt ist auf das Jahr 1252 datiert. Wiener Neustadt ist damit nach Wien die zweitälteste Gemeinde in Österreich. Es handelte sich um den Grabstein des am 21. Jänner 1252 verstorbenen Simcha, Sohn des Baruch. Ab etwa 1250 war Rabbi Mose Taku Rabbiner in der Neustadt, nach ihm Rabbi Chaim, Sohn des Wiener Rabbiners Isak.

Im 14. Jahrhundert beherbergte die Neustadt eine Talmudschule, geführt von Rabbi Schalom. Rabbi Schalom ben Isaak war zweifellos die zentrale Persönlichkeit des jüdischen Lebens vor der „Wiener Gesera“ (Wiener Verhängnis).

Die jüdische Bevölkerung lebte im Mittelalter im Spannungsfeld zwischen Formen der Privilegierung und des Schutzes (durch Kaiser bzw. Landesfürst) sowie Maßnahmen der Ausgrenzung und Diskriminierung. Die feindliche Haltung gegenüber Juden zeigt sich zum Beispiel in einem Fresko in der mittelalterlichen Pfarrkirche der Stadt (dem Liebfrauendom), das Ende des 13. Jahrhunderts entstand. Auf diesem finden sich Juden im „Weltgericht“, in die Hölle getrieben, abgebildet.

Wenngleich sich die Ausgrenzung von Juden, wie andernorts, im 14. Jahrhundert fortsetzte, so nahm die Neustadt hinsichtlich der Verfolgungen von Juden eine Sonderrolle ein: Denn die jüdische Gemeinde der Neustadt blieb nicht nur 1338 von den Verfolgungen in Niederösterreich, die von Pulkau ausgingen, verschont, sondern auch von den Pogromen in den Pestjahren 1348/49.

Dennoch blieb es auch hier nicht nur bei diversen Verboten, etwa jenem von 1316, als Juden die Ausübung des Schneiderhandwerkes untersagt wurde. Im Jahr 1347 steigerte sich der Hass bis zur Ermordung von Juden in der Neustadt. So wurden etwa Rabbi Simcha, Sohn des Rabbi Eljakim, als er seinem Glauben nicht abschwören wollte, und eine Jüdin ermordet. Da der Bürgermeister, der Stadtrat und der Stadtrichter die Rechte der Juden und des Judenrichters nicht anerkennen wollten, sollten sie einen „strefleuch brief“ des Herzogs erhalten.

Die Zerstörung der Wiener Gemeinde im Rahmen der so genannten „Wiener Gesera“ 1420/21 blieb ohne Auswirkung auf die Neustadt, weil die Stadt aufgrund der Neuberger Teilungsverträge von 1379 nicht zum Herzogtum Österreich, sondern zum Herzogtum Steier gehörte. Die Neustadt nahm infolge dieser rechtlichen Stellung und als nunmehr größte jüdische Gemeinde wieder eine Sonderrolle als „einziges geistiges jüdisches Zentrum im Gebiete des heutigen Österreich“ ein. Die jüdische Gemeinde blieb verschont, es kam zu keiner Vertreibung.

Nach einer Phase innerer Streitigkeiten übernahm vor 1450 Rabbi Israel bar Petachja, genannt Isserlein (1390-1460), aus Marburg die Position eines Rabbiners, nicht aber des Gemeinderabbiners. Er wurde zum Begründer einer berühmten Talmudschule, genoss höchstes Ansehen innerhalb des Kreises jüdischer Gelehrter und stellte zweifellos die rabbinische Autorität nach der Wiener Gesera schlechthin dar. Isserlein war als Gelehrter über die Grenzen des Landes hinaus bekannt, seine Entscheidungen in Rechts- und Glaubensfragen hatten Vorbildcharakter.

Kaiser Friedrich III. (König Friedrich IV.) wurde wegen seiner eher judenfreundlicheren Haltung als „Rex Judaeorum“ tituliert. Juden wurden von den Landesfürsten, die sich in ständiger Geldnot befanden, gefördert. Die jüdische Bevölkerung in der Neustadt erlebte unter Kaiser Friedrich III., der die Stadt 1440 als Residenz gewählt hatte, eine Blütezeit. Gleichwohl belegt der so genannte „Judenspott“, ein Steinrelief, das an der Hoffassade des Hauses am Hauptplatz 16 eingelassen war und ein Schwein zeigt, an dessen Zitzen jüdische Männer saugen, die bestehende und wachsende Ablehnung gegenüber Juden im 15. Jahrhundert.

Richten wir unseren Blick auf die jüdische Gemeinde und ihre örtliche Infrastruktur im 15. Jahrhundert: Das Judenviertel, das westlich des Stadtzentrums – anfangs im Minderbrüderviertel – lag, reichte ungefähr vom Hauptplatz und der Friedrichgasse im Osten bis zur Singergasse und der Reyergasse im Westen sowie von der Lange Gasse im Süden bis zur Herzog-Leopold-Straße (dann auch in Teilen zur Herrengasse) im Norden. In der Neustadt gab es mehr als nur eine Synagoge und eine Talmudschule. Die 1383 erstmals urkundlich erwähnte Synagoge stand am Allerheiligenplatz 1 (einst „Judenschulgasse“), ihr gegenüber das 1464 erstmals erwähnte jüdische Spital (Allerheiligenplatz 3 bzw. 4). Weiters gab es einen eigenen Gebetsraum für jüdische Frauen („Frauenschul“) und eine Fleischbank, die sich westlich des Spitals befand. Ein Bächlein, das im Bereich der Lederergasse floss, diente als Wasserversorgung für diese Fleischbank. Aus dem Jahr 1354 stammt die erste Erwähnung einer „Judenbadstube“. Auch in der Herrengasse 25 wird eine solche erwähnt, die aber von einem Christen geführt wurde und kein rituelles Tauchbad (Mikwa), sondern nur ein Reinigungsbad war. Eine weitere „Judenbadstube“ im Frauenviertel wurde 1492 erwähnt. Ein rituelles Tauchbad befand sich vermutlich gegenüber der Synagoge („Judentuckhaws“).

Zu betonen gilt es, dass Juden in der Neustadt „durch keine Trennungslinie von ihren christlichen Nachbarn abgesondert“ lebten, sondern die Grenzen unscharf gezogen waren. Dennoch wird angenommen, dass sich im Osten und Norden des Judenviertels eigene Zugänge bzw. Tore befanden, die in den ersten Jahrzehnten des 15. Jahrhunderts, also noch vor der weiteren Expansion des Wohnviertels, installiert worden waren und auch versperrt werden konnten. Das Judenviertel wies die vergleichsweise höchste Bevölkerungsdichte in der Stadt auf. Nachdem es von der heutigen Herzog-Leopold-Straße (einst „Neue Judengasse“) in nördliche Richtung zur Herrengasse gewachsen war, erreichte es um das Jahr 1450/60/80 seine größte Ausdehnung. Ebenso ist ein eigener „Judenplatz“ nachweisbar, und zwar im Bereich des ehemaligen Gerichtshauses der Stadt, das sich etwa in der Mitte zwischen Lange Gasse und Haggenmüllergasse, einst „Judengasse“, befand.

Plan des Judenviertels

Plan des Judenviertels


Foto: Mayer, Band II [I/2. Teil] Tafel VII

Erklärungen zum Planauszug:

  • „Judenbad“ (94)
  • Tore zur „Judenstadt“ (121, 122, 123)
  • Synagoge (124)
  • „Judenspital“ (126)
  • Die Abbildung zeigt nicht die größte Ausdehnung des Judenviertels.
  • Die Verortungen – nach Mayer – sind heute teils umstritten bzw. unwahrscheinlich (z. B. im Fall Nr. 125).

Juden waren in der Neustadt im 15. Jahrhundert primär im Geldverleih und im Handel, insbesondere mit Getreide, Vieh, Wein, Stoffen, Öl und anderem, tätig. Nach dem Tod Kaiser Friedrichs III. im Jahre 1493 verlor die Neustadt den Charakter als Regierungsmittelpunkt. Bereits in den 1480er Jahren war der Hofstaat weggezogen und nun folgte der Adel Maximilian I. nach Innsbruck. 1494 zerstörte ein Großbrand „die gantz Stat mitsambt christn und judn“. Das Judenviertel war massiv betroffen, vor allem Synagoge und Spital (das nicht mehr aufgebaut wurde).

Das Verhältnis zwischen Juden und Christen verschlechterte sich in Folge der Zerstörung der Stadt, weil aufgrund von Darlehensgeschäften Schulden bei Juden ausstanden. Die Juden in der Neustadt hatten, aus der Sicht der Landstände, zu viele Rechte. Wirtschaftliche Interessen des verschuldeten Adels und machtpolitische Bestrebungen der Stände gegenüber dem Landesfürsten, die auf der Ebene der Bewilligung von außerordentlichen Steuern ausgetragen wurden, trugen das Ihre dazu bei, sodass schließlich Maximilian I. 1496 die Vertreibung der Juden aus der Neustadt befahl. Ihnen sollte eine Niederlassung „auf ewige Zeit“ verboten sein. Als Kompensation zur Judensteuer mussten die steirischen Stände Geld aufbringen und die Steuern für die Finanzierung des Krieges gegen die Osmanen bewilligen. Die Vertreibung verlief nicht in Form eines Pogroms, sondern es handelte sich um eine organisierte Ausweisung von Juden, in deren Zusammenhang sich die Verkäufe von Häusern und alle Veränderungen der bestehenden Besitzverhältnisse über mehrere Jahre hinzogen: Sämtliche Geldangelegenheiten und Streitigkeiten zwischen Juden und Christen mussten beigelegt sein. Ihr bewegliches Hab und Gut durfte mitgenommen werden. Ihnen wurde eine Frist bis zum Heiligendreikönigstag 1497 gesetzt, diese wurde letztlich auf den 23. April 1498 verlängert, sodass die Juden mit ihren „weibern und kindern in der kelten nicht auf dem velde beleiben und verderben“. Den jüdischen Bürgern war vorgeschrieben worden, die Stadt zu verlassen und nach Marchegg oder Eisenstadt zu ziehen. Die letzten Hausverkäufe und Schuldzahlungen erfolgten erst 1500 (letzte Gewereintragung) oder später (1504 – letzter Hausverkauf; 1510 – Forderungen von Juden vor dem fürstlichen Kammergericht zu Wiener Neustadt). Die an den Landesfürsten gefallene Synagoge schenkte Maximilian I. der Stadt. Diese wurde in eine Kirche umgewandelt und bereits 1497 eingeweiht. Der Judenfriedhof, welcher südlich der Stadtmauern lag, blieb vorerst unbenützt, bis auf seiner Fläche Mitte des 16. Jahrhunderts die „Kapuzinerbastei“ errichtet wurde. Bis zum 19. Jahrhundert sollte sich in Wiener Neustadt keine neue Gemeinde mehr etablieren.


Die Ausweisung der Juden aus Wiener Neustadt hatte Auswirkungen auf die Bildung jüdischer Gemeinden in Österreich unter der Enns, denn hier konnten sie eingeschränkt siedeln. Die Zeit der folgenden drei Jahrhunderte gestaltete sich für Juden in Niederösterreich wechselhaft. Sie befanden sich in andauernder Bedrohung, ausgewiesen zu werden. Das 16. Jahrhundert war durch eine restriktive Judenpolitik gekennzeichnet. Obgleich zahlreiche Vertreibungsdekrete erlassen wurden, erfolgte – trotz des Drängens der Stände – keine vollständige Ausweisung aller Juden aus Österreich unter der Enns, weil die beschlossenen Vertreibungen nur beschränkt oder teils gar nicht umgesetzt wurden. Vielmehr waren Ausnahmen für privilegierte Juden (mit Schutzbrief) gegeben und es blieb die Siedlungskontinuität an wenigen Orten, so vor allem in kleinen Landgemeinden, erhalten. Im 16. und 17. Jahrhundert versuchten immer wieder Juden in der Neustadt Fuß zu fassen. 1523 war die Neustadt Sitz der niederösterreichischen Regierung geworden und daher wirtschaftlich wieder interessant. Eine erste umfassende Ausweisung aus Österreich unter der Enns erfolgte 1543/44. 1543 besagte ein Erlass Ferdinands I., dass Juden nicht in der Stadt verweilen dürfen. 1544 und 1545 erneuerte der Stadtrat dieses Verbot: „Kein Jude soll über Nacht hier bleiben…“ Im 17. Jahrhundert hielten sich dann tatsächlich wieder Juden in Wiener Neustadt auf. Mit der „Großen Judenaustreibung“ 1669 bis 1671 aus Wien und Niederösterreich fand die jüdische Besiedelung in Niederösterreich allerdings ihr abruptes Ende, „…was für Wiener Neustadt ohne Bedeutung war, da hier kaum mehr eine jüdische Familie für längere Zeit verweilte.“

Nur wenige Jahrzehnte vergingen und die Stadt sollte neuerlich zum Aufenthaltsort von Juden werden. Zahlreiche Juden waren am Beginn des 18. Jahrhunderts vor ungarischen Aufständischen (Kuruzzenaufstände gegen die Habsburger) nach Österreich geflohen und so wohnten wiederum Juden im Stadtgebiet. Doch 1706 musste der Rat einen „Sturm auf die Judenwohnungen“ in Wiener Neustadt verhindern, 1708 kam es dann zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Juden und Christen in Wiener Neustadt. Der Stadtrat hatte in Konsequenz daraus auf Befehl der niederösterreichischen Regierung dafür Sorge zu tragen, dass Christen und Juden (es waren 535 Juden) getrennt voneinander wohnten. Auf kaiserlichen Befehl folgte 1709 die Ausweisung aller Juden „binnen drei Tagen mit Weib und Kind“, neuerlich 1713. Das Aufenthaltsverbot wurde 1719 zu einer Aufenthaltserlaubnis über den Tag abgeschwächt.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts betrieben vereinzelt jüdische Unternehmer in der aufstrebenden Industriestadt Wiener Neustadt Fabriken zur Papiererzeugung. Schließlich lagen zirka 50 Prozent der Industrieproduktion der Habsburgermonarchie in Wien und Niederösterreich. Es ist anzunehmen, dass sich damals Juden (ohne Genehmigung) in Wiener Neustadt aufhielten, obgleich es für sie verboten war, sich in Niederösterreich niederzulassen. Nach dem Revolutionsjahr 1848 lebten wieder Juden in der Stadt, es war dies der Beginn der erlaubten Neuansiedlung und er führte ab 1860 zu einer Renaissance jüdischen Lebens in Niederösterreich. Der erste Jude, der sich nach 1848 in Wiener Neustadt niederließ, war Hermann Friedenthal. In Wiener Neustadt konnte sich in wenigen Jahren eine kleine Gemeinde etablieren, die ab 1864 eigene Matriken zu führen begann. Erste gemeinsame Gottesdienste fanden anfangs im Wohnhaus von Moses Rosenberger (Pognergasse 18), dann in angemieteten Räumlichkeiten im Gasthof „Zur ungarischen Krone“ (Ungargasse 9) und ab 1853 in einem eigenen Bethaus in der Grünangergasse 13 statt. Der Sohn Friedenthals, der Arzt Dr. Moritz Friedenthal, fungierte nach dem Tod seines Vaters als Gemeindeleiter.

Das Staatsgrundgesetz von 1867 und das interkonfessionelle Gesetz vom Mai 1868 brachten die volle bürgerliche Gleichberechtigung. Die sich neu ansiedelnden Juden lebten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in angemieteten Wohnungen in Bürgerhäusern, primär in der Innenstadt und im Kapuzinerviertel. 1869 lebten zirka 185 Personen mit mosaischer Religionszugehörigkeit in Wiener Neustadt, also 0,8 Prozent der Einwohner, 1880 schon 309, somit 1,1 Prozent. Die jüdischen Bewohner waren vor allem als „Händler“ und „Hausierer“ tätig.

1870 erfolgte die Anmietung einer Wagenremise am Baumkirchnerring und der Umbau derselben zu einer kleinen Synagoge. Die jüdische Gemeinde wuchs kontinuierlich, sodass das Gebäude in den 1880er Jahren – nach seinem Ankauf – erweitert werden musste. Mit dem 4. Mai 1871 erhielt sie den Status einer „Israelitischen Kultusgemeinde“. Benjamin Weiß wurde „Rabbinatsverweser“. Zur Errichtung eines Friedhofes kaufte die IKG 1888 einen Grund in der Reichsstraße (später Wienerstraße 95), da bislang die Verstorbenen zur Bestattung nach Ungarn, Neunkirchen bzw. Baden gebracht werden mussten. Im Oktober 1889 wurde der Friedhof seiner Bestimmung übergeben. Bereits 1888 war eine Vereinigung für die Organisation von Begräbnissen und die Betreuung der Familienangehörigen, eine „Chewra Kadischa“ („Fromme Bruderschaft“), gegründet worden. 1890 wurde mit dem „Österreichischen Israelitengesetzes“ das Verhältnis der verschiedenen Kultusgemeinden zum Staat auf eine einheitliche Rechtsgrundlage gestellt. Mit 1. Jänner 1892 erfolgte die Organisation der IKG Wiener Neustadt gemäß dieser neuen Rechtsgrundlage, auf der nach der Jahrhundertwende 15 Gemeinden mit ihren Kultussprengeln in Niederösterreich bestanden: Amstetten, Baden, Gänserndorf, Groß-Enzersdorf, Hollabrunn, Horn, Krems, Mistelbach, Mödling, Neunkirchen, St. Pölten, Stockerau, Tulln, Waidhofen/Thaya und Wiener Neustadt.

Im Jahre 1902 wurde am Baumkirchnerring 4 eine neue Synagoge erbaut, die alte diente weiter als Lehr- und Bethaus. Nach den Plänen des Wiener Architekten Wilhelm Stiassny errichtete Baumeister Franz X. Schmidt diese neue Synagoge im Ausmaß von rund 340 m2 (Kosten: 80.000,- Kronen). Mit dem regional atypischen Prachtbau wurde ein für die Stadt neuartiges Baukonzept im Stile des „historisierenden Klassizismus“ bzw. „romantischen Historismus“ verwirklicht, das sich vom üblichen Stil der Umgebung deutlich unterschied. Östlich der Synagoge befand sich das kleine Bethaus („kleiner Saal“) von rund 70 m2 Größe, das als Versammlungsort für den Gottesdienst, den Religionsunterricht und Feste diente. Daran angebaut war das „Schlachthaus“, wo Kleintiere zu festgelegten Zeiten geschächtet wurden.

Synagoge, 1910

Synagoge, Baumkirchnerring 4, im Jahr 1910


Foto: StAWN, Bildarchiv Inv.Nr. 98711



Video 1, Virtuelle Rekonstruktion der Synagoge von Wiener Neustadt


In der Haidbrunngasse 2-4 existierte außerdem ein privates Bethaus der Familie Koppel. Der Großkaufmann Alois (Elazar) Koppel war mit seiner Familie zur Zeit des Ersten Weltkrieges von Mattersdorf (heute Mattersburg) nach Wiener Neustadt gezogen und bemühte sich um ein eigenes „Bet ha-Midrasch“. Schließlich gehörten diesem zirka 30 Männer als Mitglieder an. In der IKG Wiener Neustadt waren ab 1871 folgende Personen als Rabbiner tätig: Benjamin Weiß, Dr. Jakob Hoffmann, Dr. Hermann Klein, Dr. Joel Pollak, David Friedmann und zuletzt Dr. Heinrich Weiss.

Die gesamte IKG Wiener Neustadt (Stadt und Sprengel) war damals die drittgrößte Kultusgemeinde in Niederösterreich (nach der IKG Baden und der IKG Mödling). Vor dem „Anschluss“ 1938 waren Prof. Dr. Heinrich Weiss als Rabbiner, Hugo Reininger als Vorstand der Gemeinde, Moritz Schulhof als Oberkantor und Schächter, Leo Löwy als Kantor, Heinrich Löwy als Religionslehrer, Karl Schlesinger als Tempeldiener und Philipp Sinai als Friedhofsaufseher aktiv. Neben der Synagoge, dem Bethaus, dem Schächthaus, dem privaten Koppel-Bethaus, dem Matrikenamt (Hauptplatz 11) und dem Friedhof gab es allerdings keine weiteren Einrichtungen der örtlichen IKG. Eine Mikwa ist in Akten der IKG zwar ausgewiesen, aber ihr Standort heute unbekannt. Ein so genanntes „Filialbethaus“ des Weinhändlers Leopold Hacker existierte seit 1895/96 im nahen Erlach.

Bei der Volkszählung von 1934 umfasste die IKG Wiener Neustadt (Stadt und Sprengel) 886 Personen mit mosaischem Religionsbekenntnis. 685 Menschen lebten in Wiener Neustadt, 30 in Oberwaltersdorf, 20 in Ebreichsdorf, 14 in Erlach, 11 in Katzelsdorf, 10 in Pernitz, 10 in Weigelsdorf, 9 in Ebenfurth, 9 in Gramatneusiedl und die restlichen 88 in vielen anderen kleinen Dörfern des Kultussprengels. Im Standesausweis der IKG Wiener Neustadt für 1936 wurde die Mitgliederzahl mit 820 Mitgliedern angegeben und für 1937 mit 646 Mitgliedern. Das Vereinsleben in der Stadt blühte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts auf, eine Vielzahl von Einrichtungen, vor allem für karitative Zwecke, zeugt davon. Nach den vor der Jahrhundertwende gegründeten Vereinen, also der bereits angeführten „Chewra Kadischa“ (1888) und einem „Israelitischen Frauen- und Mädchen-Wohltätigkeits-Verein“ (1894), wurden die folgenden ins Leben gerufen: eine Ortsgruppe des „Zionistischen Landesverbandes“ (1920), ein Frauenhilfe-Verein „Esrat Naschim“ („Frauen-Abteilung“, 1924), ein Verein zum Troste Trauender „Chewra Menachem Awelim“ (1929), ein jüdischer Sparverein „Kohle und Mazzes“ (1932), eine Ortsgruppe des „Bundes jüdischer Frontsoldaten“, ein Jugendverein „Tiferet Bachurim“ („Zierde der Studenten“, 1937), der Verein „Talmud Thora“ und eine Ortsgruppe der „Agudas Jisroel“ („Israel-Verein“).

In Niederösterreich lebten zur Zeit des „Anschlusses“ ungefähr 8.100 Personen, die nach den NS-Rassengesetzen als Juden galten. Wie aktuelle Forschungsergebnisse über Wiener Neustadt zeigen, lebten 1938 in der Stadt nicht nur 685 Juden, sondern mindestens 870 Juden. In den 1930er Jahren waren sie vorrangig im Handel und Gewerbe tätig und konzentrierten sich vor allem auf den Gemischtwarenhandel, den Textilhandel und den Weinhandel. In geringerem Ausmaß wurden beispielsweise Leder-, Schuh-, Holz-, Kohle-, Möbelhandel oder Lebensmittel- bzw. Viehhandel betrieben. Im Gewerbe, das im Vergleich zum Handel eine geringere Rolle spielte, war der Anteil in der Bekleidungs- und Textilbranche besonders hoch. Mehr als ein Viertel der im Gewerbe tätigen Juden war dort beschäftigt. In der Industrie verdienten Juden nur in Ausnahmefällen in einer gehobenen Position als Fabrikanten ihr Geld. Als jüdische Unternehmen sind hier beispielsweise die Harzraffinerie Prager, die Seifenfabrik Grünwald, die Gardinen- und Teppichfabrik Selmeczi, die Kugelketten- und Bijouteriewarenfabrik Zeilinger und die Macospinnerei und Zwirnerei Pick anzuführen. Den größten Anteil wiesen Juden in der Berufssparte der Ärzte und Rechtsanwälte auf.

Die IKG Wiener Neustadt war hinsichtlich ihrer ökonomischen Situation und ihrer sozialen Verhältnisse zweifellos höchst differenziert. Fanden sich in der Gruppe der Intellektuellen bzw. der Akademiker zahlreiche Juden, so lebten viele andere wiederum am Existenzminimum. Die Inhomogenität jüdischen Lebens zeigt sich auch darin, dass es auf der einen Seite zu einer auffälligen Vermischung zwischen jüdischen und christlichen Familien kam, auf der anderen Seite sich Juden jedoch durch ihre strenge Orthodoxie bewusst abzugrenzen trachteten. In Wiener Neustadt sind vereinzelt Konversionen dokumentiert, häufiger kam es zu „Mischehen“. Als bekanntestes Beispiel für einen Übertritt vom jüdischen zum christlichen Glauben ist jener von Leopold Ungar, dem Sohn des örtlichen Weinhändlers Gustav Ungar, zu nennen. Dr. Leopold Ungar sollte später römisch-katholischer Prälat und Präsident der Caritas Österreich werden. Die sicherlich am meisten diskutierte „Mischehe“ stellte jene von Hella Koppel, der Tochter der streng orthodoxen Familie Koppel, mit Dr. Werner Buxbaum dar, welcher zum Judentum übergetreten war, um seine geliebte Hella ehelichen zu können.

Innerhalb der Gemeinde bestand ein teils intensives Gesellschaftsleben. Das berühmte Café Bank in der Bahngasse, das im Besitz der gleichnamigen jüdischen Familie war, stellte in diesem Zusammenhang für viele jüdische Mitbürger einen Ort mit besonderer Anziehung dar. Es diente gerne als Veranstaltungsort, wie etwa zu Purim. Koscheres Essen gab es in spezifischen Restaurants, wie dem von Malvine Gerstl in der Neunkirchnerstraße oder Rosa Schulz in der Brodtischgasse. Das religiöse Kulturleben fokussierte sich um den Tempel. Jeden Samstag ging man dorthin zum Gottesdienst (primär die frommen Juden der Stadt). Nachmittags gab es einen speziellen Jugendgottesdienst, meist im Bethaus. Zu Jom Kippur war der Andrang im Tempel so intensiv, dass man im Vorfeld Plätze zusätzlich reservieren musste. In der Lagerhalle der Firma Blum & Jaul wurde anlässlich des Sukkot-Festes alljährlich eine Hütte mit einem Schilfrohrdach aufgebaut.

Jüdische Kinder und Jugendliche blieben meist unter sich. Sie sahen sich nicht integriert und hatten fast nur jüdische Freunde. Bis zum „Anschluss“ waren antisemitische Anzeichen und Aussagen keine Seltenheit und Pöbeleien an der Tagesordnung. Keineswegs ungewöhnlich waren Beschimpfungen wie „Saujud“. So manche erlebten antisemitische Provokationen und Gewalt gegen sich oder andere, weil sie Juden waren. Andere bewegten sich meist in jüdischen Freundeskreisen, wo ihnen kein Antisemitismus direkt begegnen konnte. Der wirtschaftliche Antisemitismus schien in Wiener Neustadt durchaus nicht fremd gewesen zu sein. Es gab Leute, die „aus Prinzip“ kein jüdisches Geschäft betraten. Trotz Informationen von Juden, die nach 1933 als Flüchtlinge nach Österreich oder in die Tschechoslowakei gekommen waren und über die Entrechtung und Verfolgung in Deutschland berichtet hatten, unterschieden jüdische Bewohner der Stadt zwischen jenen Juden in der IKG, die erst nach dem Ersten Weltkrieg eingewandert waren, den „Ostjuden“, die man als gefährdet einstufte, und jenen, die bereits um die Jahrhundertwende in Wiener Neustadt gelebt und im Ersten Weltkrieg gedient hatten. Viele sahen sich als „Österreicher“, seit Generationen im Land und hier verwurzelt. Sie empfanden daher keine Angst vor Verfolgungen und sahen für sich keine Gefahr.

Unmittelbar nach der „Machtergreifung“ im März 1938 setzte in Wiener Neustadt die systematische Verfolgung der Juden ein. Es kam zur Misshandlung der jüdischen Bevölkerung. SA und SS holten Juden aus ihren Häusern und ließen sie am Hauptplatz und in den zulaufenden Straßen unter Beobachtung von Passanten Straßen und Autos „reinigen“. Mit kleinen Bürsten mussten ältere, örtlich bekannte Juden auf dem Hauptplatz den Boden waschen, jüdische Frauen in der Nähe der Synagoge.

Mehrere Juden, darunter zum Beispiel Kultusgemeindevorstand Hugo Reininger, wurden aus ihren Wohnungen geholt und in das „Anhaltelager“ Wöllersdorf gebracht. Die Abwesenheit der Juden wurde genützt, um sich ihres Vermögens zu bedienen. Auf Eigeninitiative lokaler Behörden und Parteigenossen hin wurde unter Berufung auf die nunmehrige Autoritätsstellung im NS-Staat fremdes Eigentum bisweilen rigoros beschlagnahmt, quasi „im Namen der Partei“: der Beginn der „wilden Arisierungen“. Geschäftsinhaber wurden ihrer Existenzgrundlage beraubt. Man positionierte SA-Leute vor jüdischen Geschäften, um keine Kunden mehr einzulassen.

Es folgten in Verbindung mit dem „Anschlusspogrom“ erste Amtsenthebungen und rechtliche Beschneidungen von Juden. Jüdische Beamte und Angestellte wurden außer Dienst gestellt. Ein Berufsverbot traf unter anderem jüdische Ärzte (so zum Beispiel mehrere Ärzte des örtlichen Krankenhauses) und Rechtsanwälte. Juden, die aktiv im Schuldienst tätig waren, mussten ihre Tätigkeit sogleich beenden. Dies betraf die als Religionslehrer angestellten Dr. Heinrich Weiss und Heinrich Löwy. In der Regel wurden in Österreich jüdische Lehrer und Schüler sofort oder Schritt für Schritt aus dem Schulleben und Schuldienst entfernt. Jüdische Schüler in speziellen höheren Schulen in Wiener Neustadt blieben allerdings bisweilen noch bis zum Ende des Schuljahres im Klassenverband.

Ab August und besonders mit dem Oktober 1938 kam es zu einem allgemeinen Exodus der Mitglieder der Kultusgemeinde. Rabbiner Dr. Heinrich Weiss verließ im August 1938 mit seiner Familie das Land. Der Vorsteher der Kultusgemeinde Hugo Reininger befand sich vorerst noch in Haft. Die IKG war in Auflösung begriffen. Als auch Hugo Reininger abgewandert und dessen Stellvertreter Samuel Frankl gestorben war, wurde im Oktober 1938 der Rechtsanwalt Dr. Leopold Bauer zum Vorsteher der Kultusgemeinde gewählt. Dieser sollte die Kultusgemeinde vertreten und deren Geschäfte führen. Mit Ende Oktober 1938 wies die IKG Wiener Neustadt nur noch 395 Mitglieder auf. Neben dem Matrikenführer Benno Feldmann sind als Ritualfunktionäre noch ein Oberkantor und ein Kantor nachweisbar.

In Wiener Neustadt agierten kommissarische Verwalter ab März und April 1938 vielfach vor ihrer definitiven Bestätigung. Die Positionen der Verwalter für jüdische fabriksmäßige und gewerbliche Betriebe, Praxen, Kanzleien und Geschäfte wurden durch die NSDAP-Kreisleitung ab April 1938 teils neu besetzt und nach einem Prüfverfahren durch die Vermögensverkehrsstelle Wien (VVSt) zumeist mit 14. Mai 1938 bestätigt. Die Kommissare wurden beauftragt, die Vermögenslage der jüdischen Geschäftsbetriebe zu prüfen und jüdisches Eigentum zu verwalten. Die VVSt überwachte die Überführung in „arischen“ Besitz.

Bei den Interessenten handelte es sich oft um ehemals „arische“ Konkurrenten und lokale Firmen- und Geschäftsinhaber derselben Branchen, die zu günstigen Preisen Inventar, Warenlager oder ganze Gebäudekomplexe kauften. Es kam häufig zu Streitigkeiten zwischen potentiellen „Ariseuren“ um das jüdische Gut und zu Beschwerden bei der Kreisleitung. In Wiener Neustadt bestand ein regelrechtes „Arisierungs-Netzwerk“, da kommissarische Verwalter und „Ariseure“ einander kannten und miteinander freundschaftlich verbunden waren. Eine besondere Rolle als so genannter „Generalabwickler“ spielte Ing. Fritz Helmling. Die an den „Arisierungen“ beteiligten Personenkreise führten einander jüdische Betriebe zu. Fast alle „Ariseure“ stammten aus Wiener Neustadt, teils aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Ein in der Stadt typisches Verfahren bestand darin, dass die kommissarischen Verwalter – welche jüdische Vermögenswerte nicht kaufen und ohne Genehmigung nicht verkaufen durften – vielfach von ihrer Funktion als Verwalter zurücktraten (nachdem sie die Vermögenswerte gesichtet hatten) und zu Käufern wurden.

Die meisten jüdischen Eigentümer waren Ende 1938 gar nicht mehr in der Stadt. Der Verkaufserlös stand dem jüdischen „Verkäufer“ im Regelfall nicht zur Verfügung. Die Vermögensverkehrsstelle, die beauftragten Verwalter, die NSDAP-Kreisleitung und „Generalabwickler“ Helmling (sowie nach ihm die Treuhandgesellschaft Donau) bildeten mit einzelnen Rechtsanwälten und Banken die zentrale organisatorische Plattform für finanzielle Transaktionen im Rahmen der „geordneten Arisierungs- und Liquidierungsverfahren“ in Wiener Neustadt. Die Verkäufe jüdischer Gewerbebetriebe, Geschäfte, Häuser, Wohnungen und anderer Sachgüter in Wiener Neustadt wurden mit Masse 1938 und 1939 getätigt.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden mehrere Nationalsozialisten von der Parteileitung zu einem Fackelzug zum Baumkirchnerring abkommandiert. Teile der Gebäudefront, die Fenster und die Inneneinrichtung der Synagoge wurden schwer beschädigt oder vollständig zerstört, die Tempelgeräte gestohlen. Die Synagoge wurde nur deshalb nicht in Brand gesteckt, weil Bürgermeister Dr. Scheidtenberger das Gebäude noch nutzen wollte. Am 10. November wurden jüdische Männer, Frauen und Kinder von SA-Leuten gesammelt und zu Fuß durch die Straßen der Stadt zur Synagoge getrieben. Die jüdischen Bewohner, welche noch in der Stadt verblieben waren, hatten sich in ihre Wohnungen zurückziehen müssen, da ihre Geschäfte kommissarisch verwaltet und „arisiert“ wurden. Es handelte sich um mindestens 100 Menschen. Diese versorgte man zwar mit dem Nötigsten an Nahrung, gleichzeitig beraubte man sie aber in der Haft: Schmuckgegenstände, selbst Eheringe, wurden ihnen abgenommen und unter Androhung oder Ausübung von Gewalt Unterschriften für Verträge abgepresst. Die Männer brachte man alsbald – von Frauen und Kindern getrennt und früher als jene – in das städtische Gefangenenhaus. Spätestens drei Tage nach der „Reichskristallnacht“ waren Frauen und Kinder in einer Kolonne zu Fuß durch den Stadtpark ins Gefangenenhaus des Kreisgerichts nachtransportiert worden, wo sie einige Tage verblieben. Nach etwa drei bis vier Tagen wurde der Großteil der Juden mit Zügen, ein Teil mit Autobussen nach Wien „verfrachtet“, wo man alle aussetzte. Niemand hatte eine Möglichkeit, irgendetwas von seinem Hab und Gut mitzunehmen. Einige wenige der ehemals in der Synagoge Inhaftierten wurden nicht verschickt, sondern nach Hause entlassen.

Während der Inhaftierung in der Synagoge, im Bethaus und im städtischen Gefangenenhaus fanden die Plünderungen der Eigenheime statt. Die Durchsuchungen der Wohnungen und Privathäuser sowie die Verhaftungen erfolgten durch die SA, SS und Polizei. Das primäre Ziel der Akteure lag darin, Bargeld, Sparbücher, Schmuck, in den Wohnungen aufbewahrte Kunst- und Wertgegenstände (Bilder, Pelze, Gold) sowie die Wohnungen selbst an sich zu reißen. Die Beschlagnahmungen und der Abtransport von Einrichtungen wurden in großem Umfang realisiert.

Synagoge 1938

Zerstörungen in der Synagoge zum Novemberpogrom, November 1938


Foto: StAWN, Bildarchiv Inv.Nr. 102009

Die definitive Auflösung der IKG Wiener Neustadt erfolgte mit November 1938. Die Matriken wurden Ende 1938 nach Wien gebracht. Seit Jänner 1939 ruhte jede religiöse Tätigkeit, wenn auch Dr. Bauer immer noch als Vertreter der IKG Wiener Neustadt gegenüber den NS-Behörden auftrat. Andere Funktionen waren nicht besetzt. Für Wiener Neustadt waren nur noch 30 Mitglieder ausgewiesen, zu Jahresbeginn 1940 wurde die letzte Standesmeldung transferiert. Durch Erlass der Landeshauptmannschaft in Niederdonau vom 3. April 1940 wurden die Kultusgemeinden in der „Ostmark“, mit Ausnahme von Wien, aufgelöst. Es handelte sich nur mehr um einen Formalakt.

Nachdem es bereits ab März 1938 in Folge des „Anschlusspogroms“, der Entrechtungsmaßnahmen und „Arisierungen“ zu einer ersten Fluchtbewegung aus Wiener Neustadt gekommen war und seit März 1938 die Anzahl der Juden von rund 870 auf zirka 450 im Oktober 1938 gesunken war, löste die „Reichskristallnacht“ eine zweite massive Fluchtbewegung aus. Statistische Daten weisen aus, dass die Zahl der Juden in der Stadt vom November bis zum Jahresende 1938 weiter um zirka 20 Prozent sank. Es ist allerdings anzunehmen, dass sich aufgrund der violenten Vertreibung im November weitaus mehr Juden nicht mehr in der Stadt aufhielten.

Nicht nur nach der „Reichskristallnacht“ waren viele Juden mit Gewalt nach Wien gebracht worden, schon lange zuvor hatten jüdische Familien die Stadt verlassen und waren nach Wien oder Prag geflohen. Mehrere jüdische Kinder hatte man bereits im Sommer und Herbst ins Ausland schicken können, vor allem mittels Kindertransporten nach England. Konfrontiert mit bürokratischen Hürden, finanziellen Forderungen und zeitlichen Fristen warteten die Ausreisewilligen in Wien oft vergeblich.

Als Zielstaaten, die jene Wiener Neustädter Juden erreichten, die nicht deportiert wurden und deren definitive Exile bekannt sind, lassen sich vor allem Palästina, die USA und Großbritannien nennen – eine Verteilung, wie sie überhaupt für ganz Niederösterreich zutrifft. Einzelne Juden aus Wiener Neustadt flüchteten in die Nachbarstaaten Österreichs, meist in die Tschechoslowakei und nach Ungarn, oder nach Westeuropa.

Mit Oktober 1939 begannen die Deportationen von Wiener Neustädter Juden (bis März 1944). Der Großteil wurde im Jahre 1942 in Ghettos und Konzentrationslager verbracht. Wir wissen heute, dass rund 180 in ein Ghetto oder Konzentrationslager – zumeist nach Auschwitz – deportiert wurden bzw. in einem Lager inhaftiert waren (also zirka jeder Fünfte der 870 Wiener Neustädter Juden).

Wiener Neustadt hatte nicht nur im Mittelalter zu den ältesten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden Österreichs, sondern auch in den 1920er und 1930er Jahren zu den größten Kultusgemeinden gezählt. Im Gegensatz zu anderen Gemeinden, wie etwa Baden bei Wien, erfolgte in Wiener Neustadt nach dem Zweiten Weltkrieg keine Neugründung. Alle kultischen Gebäude und Stätten, mit Ausnahme des jüdischen Friedhofs, bestehen nicht mehr. (Die Adresse Haidbrunngasse 4 ist allerdings ein Versammlungsort geblieben, denn es existiert dort heute ein Kulturzentrum für bosnische Muslime.) Der vernichteten jüdischen Gemeinde von Wiener Neustadt wird in Yad Vashem, Israel, gedacht.

Tal der Gemeinden

„Tal der Gemeinden“, Yad Vashem, vernichtete jüdische Gemeinden, darunter auch Wiener Neustadt


Foto: Sammlung Sulzgruber

(Stand Mai 2011, aktualisierte und veränderte Fassung eines Artikels, der vom Autor für die Kulturzeitschrift DAVID 68, April 2006, verfasst wurde: david.juden.at/kulturzeitschrift/66-70/68-sulzgruber.htm)



Video 2, Ausstellung „Schicksalswege“



Video 3, Buch „Lebenslinien“ und austellung „Familienalbum“